Wittenberg (aw). Wenn Thomas Popp über die Anfänge der Wittenberger Hofkonzerte spricht, klingt vieles nach Aufbruch, Improvisation — und einer gehörigen Portion Idealismus. „Damals sahen viele Höfe ganz anders aus“, erinnert sich der Vorsitzende des Kunstvereins. „Im Beyerhof wie im Cranachhof fiel teilweise der Putz von den Wänden.“ Genau dort begann vor drei Jahrzehnten eine Idee, die heute fest zum kulturellen Sommer der Lutherstadt gehört.
1996 wurde der Kunstverein gegründet, 1997 fanden die ersten Hofkonzerte statt. Der Name war bewusst gewählt: Die historischen Höfe Wittenbergs sollten wieder stärker ins Bewusstsein der Bürger gerückt werden. „Wir haben die Höfe hergerichtet, ausgeleuchtet, gemeinsam gegessen und Kultur genossen“, erzählt Popp. Was heute vielerorts selbstverständlich wirkt — Konzerte in besonderen Innenhöfen und gemeinsames Erleben unter freiem Himmel — war damals neu.
Thomas Popp ist seit 1997 dabei, also nahezu von Beginn an. Seit inzwischen 25 Jahren führt er den Verein als Vorsitzender. Zu den Gründern gehörten unter anderem Prof. Dr. Rolf Budde und Dr. Cornelia Dömer, die erste Präsidentin des Vereins. „Der Kunstverein hat damals noch viele Ausstellungen organisiert“, erinnert sich Popp. Eine Udo-Lindenberg-Ausstellung gehörte ebenso dazu wie hochkarätige Kunstschauen mit Werken aus der SammIung des Unternehmer-Ehepaares Gisela Meister-Scheufelen und Ulrich Scheufelen. „Die private Grafiksammlung mit Werken von Picasso, Chagall und Dix sollte ursprünglich sogar dem Kunstverein übertragen werden. Das war für uns eine Nummer zu groß“, sagt Popp rückblickend. Aus dieser Entwicklung entstand schließlich 2001 die Stiftung Christliche Kunst. Doch vor allem die Hofkonzerte wurden zum Markenzeichen des Vereins. Von Anfang an gab es vier bis sechs Veranstaltungen pro Saison, häufig mit klassischen Programmen. „Eines der ersten Konzerte war Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ im Cranachhof”“, erzählt Popp. Später kamen Weltmusik, Themenabende, A-cappella-Gruppen, Musik-Kabarett und große Revival-Shows hinzu. Selbst auf dem Markt wurde gespielt — damals noch mit Feuerwerk. „Das waren andere Zeiten“, sagt er schmunzelnd.
Inzwischen blickt der Verein auf mehr als 180 Konzerte zurück. „Viele sagen heute: Ihr müsst unbedingt mal den oder die holen. Und wir können oft antworten: Die waren schon da.“ Götz Alsmann etwa oder zahlreiche bekannte Ensembles und Solisten. Besonders in Erinnerung geblieben sind außergewöhnliche Momente. Etwa das Konzert der „Zehn Tenöre“, als ein schweres Gewitter über Wittenberg zog und die Veranstaltung unterbrochen werden musste. „Trotzdem sind die Leute geblieben“, erzählt Popp. „Oder ein Bischof, der nachts um drei noch beim Abbau geholfen hat.“
Die Reihe ist bis heute komplett ehrenamtlich organisiert. Rund 35 Vereinsmitglieder packen mit an – beim Aufbau, bei der Logistik und oft noch spät nachts nach Konzertende. Unterstützt wird der Verein von Sponsoren, Unternehmern, der Stadt und dem Landkreis. Mehr als eine Million Euro an Spendengeldern seien in den vergangenen 30 Jahren bewegt worden.
Die Anforderungen wachsen allerdings stetig. „Der organisatorische Aufwand wird immer größer“, sagt der Vorsitzende. Sicherheitsauflagen, Bühnenbau und Technik verschlingen enorme Summen. Zwischen 120.000 und 240.000 Euro koste mittlerweile eine Saison. „Das Geld ist schnell ausgegeben.“ Um Kosten zu teilen, versucht der Verein oft, Bühnen und Infrastruktur gemeinsam mit anderen Veranstaltungen zu nutzen.
Auch die Stadt selbst hat sich verändert. Viele Höfe, die früher provisorisch bespielt wurden, sind heute saniert und gastronomisch erschlossen. Gleichzeitig ist die Kulturszene gewachsen. „Es gibt heute viel mehr Veranstaltungen in Wittenberg“, sagt Popp. „Und es ist schwieriger geworden, die Künstler zu buchen.“ Ein Stück der alten Hofkonzert-DNA bleibt jedoch erhalten: das Alte Gefängnis. „Wir bringen es für die Hofkonzerte jedes Jahr aufs Neue wieder zum Leben.“ Genau diese Mischung aus besonderen Orten und persönlicher Atmosphäre prägt die Reihe bis heute.
Fast schon legendär sind inzwischen die Sponsorenabende des Kunstvereins. Dort wird nicht nur das neue Programm vorgestellt – immer wieder öffnen sich dabei auch Türen zu Orten, die viele Wittenberger längst vergessen glaubten. „Wir waren schon in der Schwimmhalle, als sie saniert wurde — mitten im leeren Becken“, erzählt Thomas Popp lachend. „Oder im Lokschuppen zwischen den alten Loks.“
Auch in diesem Jahr überraschte der Kunstverein seine Gäste erneut: Beim Sponsorenabend im März öffnete Popp erstmals den großen Saal der ehemaligen Balzer-Festsäle, der sich derzeit noch in der Sanierung befindet. Viele kannten den Raum zuletzt nur noch als Bowlingbahn. „Ein wunderschöner Ballsaal‘, schwärmt Popp. „Und wir waren die Ersten, die ihn wieder nutzen durften. Das 1883 errichtete Gebäude galt einst als größte Theater- und Konzertstätte der Stadt. Auch musikalisch schlägt der Kunstverein in seiner Jubiläumssaison neue Töne an. Das Auftaktkonzert am 30. April mit dem Wittenberger Künstler Jassin auf dem Arsenalplatz richtete sich bewusst an ein jüngeres Publikum. „Wir wollten eine andere Zielgruppe ansprechen — und das hat hervorragend funktioniert“, sagt Popp. Das Konzert war bereits lange vor dem Termin ausverkauft.
Im Juni kehrt die Reihe zu einem ihrer traditionsreichsten Orte zurück: dem Alten Gefängnis. Dort stehen gleich drei Abende auf dem Programm. Am 25. und 26. Juni bringt eine Deutschrock-Show die Musik von Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Peter Maffay und Marius Müller-Westernhagen auf die Bühne. Einen Tag später, am 27. Juni, gastiert Musik-Kabarettist Michael Krebs mit seinem Programm „Optimismus — jetzt stark reduziert“ im historischen Innenhof.
Einer der Höhepunkte dürfte der Auftritt der „Prinzen“ am 21. August auf der Schlosswiese werden. Bereits zum dritten Mal ist die Band Teil der Wittenberger Hofkonzerte — diesmal im Rahmen ihrer Abschiedstournee. Weiter geht es am 28. August im Schlosshof mit der großen Falco-Show, bevor dort am 29. August „Die Feisten“ auftreten. Den Abschluss der Saison bilden schließlich die beiden Weihnachtsabende von „Bidla Buh“ am 19. und 20. November im Stadthaus.
Einen Bericht über die diesjährigen Wittenberger Hofkonzerte der Mitteldeutschen Zeitung finden Sie unter folgendem Link:
https://www.mz.de/lokal/wittenberg/30-jahre-musik-in-historischen-hofen-das-erwartet-besucher-2026-4268962